Der lange Schatten von Gustave Le Bon Zum sprachlichen Einfluss der Crowd Science auf die Soziologie der Gewalt

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Referring to a recently published study by John Drury and Clifford Stott, this paper shows how the scientific perception of crowds has been shaped by the French intellectual Gustave Le Bon. Le Bon denies such crowds any rationality and compares the
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  Der lange Schatten von Gustave Le Bon Zum sprachlichen Einfluss der Crowd Science auf die Soziologie der Gewalt von Hendrik Erz   a  b    s  t   r  a  c  t    In Anlehnung an eine kürzlich erschienene Studie der Sozialpsychologen John Drury und Clifford Stott zeigt der vorliegende Ausatz, wie die sozial-wissenschafliche Wahrnehmung von Menschenmengen („Crowds“) durch den ranzösischen Intellektuellen Gustave Le Bon verschoben wurde. Le Bon spricht Menschenmengen jegliche Rationalität ab und vergleicht die sozialen Prozesse während städtischer Unruhen und Austände mit der Ausbreitung  von Viren. Der große Einluss Le Bons au die wissenschatliche Analyse solcher Unruhen wird in aktuellen Publikationen und Theoriegebäuden teils sehr deutlich. Um besonders die zeitliche Resilienz dieser Diskursver-schiebung erklären zu können — Le Bons Hauptwerk erschien 1895 — nutzt dieser Ausatz Antonio Gramscis Konzept der „Hegemonie“. Somit kann Le Bon als „organischer Intellektueller“ einer herrschenden Klasse analysiert werden, welcher die Wahrnehmung von Unruhen zugunsten dieser Klasse ür mehr als einhundert Jahre verschieben konnte. Der Ausatz schließt mit einem kurzen Überblick über alternative Konzepte von städtischen Unruhen. Schlagwörter   Riots; Gewaltsoziologie; Crowd Science; Politische Teorie; Hegemonie; Gramsci https://doi.org/10.3224/soz.v12i2.06 DER LANGE SCHATTEN VON GUSTAVE LE BON 󰀷󰀱 SOZIOLOGIEMAGAZIN Parallele Welten  In Anbetracht der Wahl Donald rumps zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, dem Austieg der Alternative ür Deutschland (AD), der europaeindlichen, rassistischen Politik Viktor Orbáns in Ungarn und erst jüngst des „Ibiza-Skandals“ der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), welche die Re-gierung von Sebastian Kurz zu Fall brachte, bleibt ein Tema durchgehend aktuell: die Diskursverschiebungen, vornehmlich von rechts orchestriert, um die „Grenzen des Sagbaren“ zu verschieben, wie es land-läufig zu hören ist (vgl. das Interview mit Ruth Wodak in diesem Band). Seither beassen sich vor allem die Politik- und Sozialwissenschaen mit diesem Phäno-men und versuchen, auszuloten, wie sich diese Diskursverschiebungen letztlich aus-wirken. Ein prominentes Beispiel hierür sind die zahlreichen Untersuchungen im Kontext der Pegida-Demonstrationen in Dresden (vgl. ür einen Überblick über die empirischen Untersuchungen Vorländer u.a. 2016: 54ff.).Doch zahlreiche Diskursverschiebungen sind bei weitem nicht so sichtbar wie die Versuche, gewisse Handlungsoptionen als akzeptabel darzustellen. Als die ehemalige AD-Funktionärin Frauke Petry im Januar 2016 (vgl. Der Spiegel 2016) beispielsweise einen „Schießbeehl“ gegen Geflüchtete orderte, war die Stoßrichtung der Aus-sage eindeutig und wurde gesellschalich dementsprechend augeasst — als Affront. Eine höhere Bereitscha, Waffengewalt gegenüber Geflüchteten einzusetzen, hat sich nicht durchgesetzt. Dieser Versuch, den Diskurs nach rechts zu verschieben, hatte also nicht den gewünschten Effekt. Historisch zeigt sich, dass erolgreiche Dis-kursverschiebungen nicht offen propagiert werden, sondern sehr subtil unktionieren. So ührte Michel Foucault in zwei Vor-lesungen im Januar 1976 den Begriff des „historisch-politischen Diskurses“ ein (vgl. 1986). In der Neuzeit hätte ein solcher Diskurs staatliche Herrscha mithile von Mythen beziehungsweise Geschichtsschrei-bung legitimiert, indem die Vergangenheit  jeweils so rekonstruiert wurde, dass die Herrscher_innen als legitim galten (vgl. ebd.: 16ff.). Ein Nationalstaat wie Deutsch-land oder Frankreich war somit legitim durch die Konstruktion einer „Nation“, welche anschließend naturalisiert wur-de. Rückendeckung ür diese Tese von historischer Konstruktion kommt aus der Systemtheorie. In den „Beobachtungen der Moderne“ (1992) unterscheidet Niklas Luhmann zwischen Semantik und Sozial-struktur. Während die sozialen Strukturen  in der zweiten Häle des 20. Jahrhunderts stabil geblieben seien, habe der Diskurs der Postmoderne (d.h. die Semantik ) die Wahrnehmung dieser gesellschalichen Strukturen verschoben (vgl. Luhmann 1992: 17.; vgl. zur Nachzeitigkeit der Se-mantik Stichweh 2006). Ähnlich erging es auch der Wahrnehmung der neuzeitlichen DER LANGE SCHATTEN VON GUSTAVE LEBON 󰀷󰀲 SOZIOLOGIEMAGAZIN Parallele Welten  Revolutionen in Frankreich und den USA, die mal als Revolution, mal als Bürger-krieg beschrieben wurden, was erheblichen Einfluss au die Wahrnehmung besagter Ereignisse bei zeitgenössischen Beobachter_ innen hatte (vgl. Armitage 2018: 155.).Es gibt auch Diskurse, die letztlich in der Lage sein können, die zugrunde-liegenden Strukturen zu  verändern, wie am Bei-spiel der neoliberalen Ideologie seit der Krise des Keynesianismus und den Ölschocks der 1970er Jahre deutlich wird. Nach dem Auflösen des Bretton Woods-Systems veränderte sich der Ka-pitalismus durch Wechselkursschwan-kungen, Austeritätstheorie und Finan-zialisierung grundlegend (vgl. Fritsche 2004; Bresser-Peireira 2010). Dabei wurde insbesondere in den Wirtschaswissen-schaen die neoliberale Wirtschastheorie, die Neoklassik, noch bis weit in die 2010er Jahre unhinterragt gelehrt. Erst nach der globalen Finanzkrise 2007/2008 („sub-prime crisis“ mit Bezug au die krisenaus-lösenden minderwertigen Kredite aus der US-Amerikanischen Immobilienbranche) ormierte sich Widerstand und Netzwerke wie die Plurale Ökonomik bildeten sich als Antwort au die herrschende Lehrmeinung. Das laute Schweigen der Soziologie Diskursverschiebungen können also maßgeblich verantwortlich ür die wis-senschatliche Bewertung gesellschat-licher Phänomene und unhinterragtes hegemoniales Denken sein. Der vorliegende Ausatz will anhand einer solchen subtilen Diskursverschiebung innerhalb der Soziologie darlegen, weshalb diese bereits seit dem vorletz-ten Jahrhundert daran scheitert, ein spezifisches soziales Phänomen ad-äquat zu erassen: Das von kollektiver Gewalt im Kontext von Auständen, soge-nannten Riots . In der Soziologie ehlt ast durchgängig eine Beschäigung mit Riots (ür eine Zusammenassung bisheriger Ansätze siehe Wilkinson 2009; sowie die Sonderausgabe der Zeitschri sub\urban  von 2016, vgl. Rucht 2016; Frenzel u.a. 2016). Dies verwundert vor dem Hin-tergrund, dass diese zumeist eine hohe mediale Sichtbarkeit auweisen, wie die Austände 2005 in Paris, 2008 in Athen, 2011 in London, die Austände im Kontext des sogenannten „Arabischen Frühlings“ sowie die wiederkehrenden race riots  in den Vereinigten Staaten von Amerika (bei-spielsweise in Ferguson und Baltimore) zeigen. Zwar nehmen Riots bei einigen In der Sozio-logie ehlt ast durchgängig eine Beschäigung mit Riots. " DER LANGE SCHATTEN VON GUSTAVE LE BON 󰀷󰀳 SOZIOLOGIEMAGAZIN Parallele Welten  Autor_innen einen nennenswerten eil der Publikationen ein, als eigenständiges Phänomen werden sie aber nicht theo-retisch erasst. Über Riots wird gesprochen, aber über das Phänomen geschwiegen.Anknüpend an ein erst kürzlich erschie-nenes Paper der Sozialpsychologen John Drury und Clifford Stott (2017) zeichnet der vorliegende Ausatz den Einfluss der sogenannten „Crowd Science“ au sozio-logische Konzeptionen von Unruhen nach und gibt eine Antwort au die Frage, wes-halb die wissenschalich nicht haltbaren Metaphern von „Krankheit“ und „Viren“ im Kontext von Riots in soziologischen Teoriegebäuden teilweise bis heute über-dauern konnten. Um diese Beobachtung zu erklären, wird im vorliegenden Ausatz das gramscianische Konzept der Hegemonie genutzt. Die Hypothese hierbei ist, dass die von aine und Le Bon geprägten und  von Drury und Stott herausgearbeiteten Konzeptionen menschlichen Verhaltens während solcher Unruhen einen hege-monialen Status erhalten haben und so-mit unhinterragt als phänomenologische Grundlage genutzt wurden — selbst dann noch, als die Urheber dieser Konzeptionen, Gustave Le Bon und Hippolyte aine, schon lange diskreditiert waren.Um diese Diskursverschiebung nachzu- verolgen, steht zu Beginn ein Überblick über den aktuellen Stand der Gewaltso-ziologie. Einige der dabei verwendeten Vorstellungen von kollektiver Gewalt werden anschließend zu den Urhebern Hippolyte aine und Gustave Le Bon zu-rückverolgt. Der Ausatz positioniert mit-hile der Hegemonietheorie von Antonio Gramsci beide als „organische Intellek-tuelle“ der bürgerlichen Klasse, welche es gescha haben, trotz aus heutiger Sicht oenkundig reaktionärer Sprache eine Sichtweise au Riots zu platzieren, die durch die Soziologie übernommen wurde. Nach einem kurzen Exkurs in die Polizei-wissenschaen, wo der Duktus Le Bons immer noch maßgeblich ist, gibt dieses Paper einen Überblick über andere Ansätze zur Frage der Gewalt von Riots, welche es schaffen, sich dieser Phänomenologie zu entledigen. Im Folgenden werden die Namen Le Bon und aine immer wieder zusammen auauchen; jedoch bezieht sich dieses Paper nur au Le Bon, da dieser ür die Soziologie wichtiger ist und sich die Ansichten Le Bons und aines in Bezug au Menschenmengen gleichen (vgl. Drury/Stott 2017). Eine auffällige Leerstelle Zentrale Werke ür die Gewaltkonzep-tionen der Soziologie sind ein Sammelband  von rutz von rotha (1997) über die Soziologie der Gewalt  , die Monographie Vertrauen und Gewalt   des Gründers und ehemaligen Direktors des Hamburger In-stituts ür Sozialorschung, Jan Philipp DER LANGE SCHATTEN VON GUSTAVE LEBON 󰀷󰀴 SOZIOLOGIEMAGAZIN Parallele Welten  Reemtsma (2008), und die Ausätze von Wolgang Sosky und Heinrich Popitz, au die in diesen Werken immer wieder Bezug genommen wird. Philipp van Riel teilt im Anschluss an Brigitta Nedelmann die Gewaltsoziologie in zwei Strömungen ein, die er als „Innovateure“ und „Main-stream“ bezeichnet (van Riel 2005; zur Herkun der Unterteilung vgl. Reemtsma 2008: 461). Unter die „Innovateure“ asst  van Riel dabei all jene, die basierend au Heinrich Popitz‘ Gewaltbegriff „sowohl ein[en] handelnden äter, als auch ein erleidendes Oper“ voraussetzen (van Riel 2005: 6). Der „Mainstream“ wiederum zielt  vornehmlich au den Kontext   von Gewalt ab, womit eine Beschreibung „struktureller Gewalt“ (Galtung 1969) möglich wird. In Bezug au die Untersuchungsebene lässt sich die Soziologie der Gewalt einteilen in Studien mit Fokus au individuell aus-geübte Gewalt (beispielsweise Mord oder Folter) und kollektiv ausgeübte Gewalt (beispielsweise Bürgerkriege). Da der Fokus dieser Arbeit letztere ist, soll die individuell ausgeübte Gewalt hier zunächst ausgeklammert werden.O verwendete Beispiele kollektiver Ge-walt sind in der Soziologie der Genozid der Hutu an den utsi in Ruanda, der Bürgerkrieg in Jugoslawien (vgl. Hardin 1997) und der transnationale errorismus (vgl. Schinkel 2010). Während die Sozio-logie in Bezug au kollektive Gewalt bereits einige theoretische Vorarbeit geleistet hat (so zum Beispiel die triadische Gewalt-struktur bei Reemtsma 2008; ethnische und religiöse Faktoren bei Hardin 1997; soziale Identität bei Drury/Stott 2017; sowie die Dreiteilung in soziales, proto-politisches und politisches Handeln bei Hitzler 1999), mit welchen die oben ge-nannten Beispiele adäquat erasst werden können, werden Riots meist ausgelassen. Dieser Umstand verwundert insbesondere  vor dem Hintergrund der immer stärker anwachsenden Zahl großstädtischer Riots in westlichen Gesellschaen, vor allem im Kontext der globalen Finanzkrise seit 2007. Während es wirklich verlässliche Zahlen hierzu bislang nicht gibt, hat Philipp Neel 2014 au Basis des GDEL-Datensatzes die Häufigkeiten von Auständen global und ür verschiedene Staaten untersucht und ast durchgehend einen Anstieg eststellen können (vgl. Neel 2014).Zwar gibt es bereits einige soziologische Arbeiten, die sich mit solchen Riots beas-sen, allen voran in der deutsch sprachigen Soziologie Dieter Rucht (2016), doch eine umassende Beschätigung mit Riots erolgte bislang zumeist außerhalb der Sozio logie (vgl. Clover 2016; Rudé 1967; Lewis u.a. 2011). Innerhalb der Soziologie taucht das Phänomen meist als ein Beispiel   kollektiver Gewalt neben anderen Phä-nomenen wie Genozid und Bürgerkrieg au (vgl. Hardin 1997; zusammenassend Wilkinson 2009). DER LANGE SCHATTEN VON GUSTAVE LE BON 󰀷󰀵 SOZIOLOGIEMAGAZIN Parallele Welten
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